Wenn die Ernte wegbleibt

Der Wind bringt den Sand aus der Sahara nach Kreta. Rot. Gelb. Manchmal steht er in der Luft wie Smog. Und wenn es gleichzeitig regnet, dann legt er sich als Schmierfilm auf die Autos und Häuser, auf die Straßen und Bäume. So war es im Frühjahr 2013.

Der Winter war lang gewesen, so dass die Blüte der Olivenbäume sich verzögerte. Und dann kam der rote Sand. Acht Tage lang legte er sich wieder und wieder auf die Blüten. Nur wenige wurden befruchtet, was bedeutet, die Bäume würden nur wenige Früchte tragen. Dann hörte der Schlammregen auf und es folgte Trockenheit – in manchen Regionen Kretas sieben Monate lang.

Was schlecht war für die Früchte war umso besser für die Olivenfliegen, die sich im schwülheißen Klima extrem vermehrten und den letzten Rest der ohnehin schwachen Ernte vernichteten. In vielen Regionen der Insel machten die Ölmühlen zur Ernte gar nicht erst auf. Die Erzeuger im Südosten zum Beispiel, wo wir als arteFakt sonst mehr als 30.000 Liter Öl von Edith und Jannis Fronimakis bekommen, hatten in diesem Winter nichts. Null Liter. Alles kaputt. In anderen Regionen Griechenland sieht es etwas besser aus – aber besser bedeutet, dass auch hier viele auf 70, 80 oder noch mehr Prozent ihres Jahreseinkommens verzichten müssen. Es ist eine Katastrophe.

Gegen Naturkatastrophen sind die Bauern versichert, gegen Klimaphänomene geht das nicht. Die Bauern stehen ohne Einkommen da. Die Kosten bleiben.

Für uns als Unternehmen ist das doppelt schwierig. Zum einen wollen wir natürlich auf keines der wunderbaren Öle verzichten, an die sich Kunden gewöhnt haben, die sie mögen und lieben. Das ist die ganz normale Marktlogik: Selbst wenn wir in einer solchen Situation mehr von den anderen Ölen anbieten (was wir können), werden manche Kunden, die „ihr“ Öl in diesem Jahr nicht bekommen, wegbleiben.

Aber das ist nur der kleinste Teil des Problems. Wichtiger ist, dass Erzeuger angesichts dieser ruinösen Situation aufhören und das Gewerbe wechseln – so wie es ohnehin immer schwieriger wird, junge Menschen in die Landwirtschaft zu bekommen, die unter den tatsächlichen Bedingungen Manufaktur-Qualität zu produzieren bereit sind. Im Olivenöl, wo es keine echte Ausbildung gibt und Qualität nur selten bezahlt wird, ist es ohnehin schwierig. Eine so katastrophale Ernte (wenn man eine Null-Ernte überhaupt so nennen will) ist sicher kein Argument, sich auch in Zukunft darauf einzulassen.

Für uns ist aber die größte Herausforderung noch eine andere. Wir verkaufen Öle, die in einer engen Beziehung zwischen Erzeugern und Verbrauchern entstehen. Das hat eine Dimension mehr als nur eine marktwirtschaftliche: Die herausragende Qualität der Öle trifft auf den Geschmack von Freunden solcher authentischen, sauber verarbeiteten Öle. Aber es trifft auch auf das Bedürfnis von Menschen, die Welt nach ihren Überzeugungen zu gestalten. Denn natürlich bietet jede Kaufentscheidung auch immer die Wahl, eine bestimmte Art des (Land-)Wirtschaftens zu unterstützen oder eben nicht.

Jeder Mensch braucht einen Landwirt. Egal, was einer macht, irgendwo muss irgendjemand für ihn das Feld bestellen. Es soll Menschen geben, die ohne Telefon klarkommen oder sogar ohne Zahnarzt. Aber ohne Landwirte geht gar nichts, er ist der König aller Berufe. In der Regel spiegelt sich die Wertschätzung für seine Arbeit nicht unbedingt in dieser Tatsache.

Für die Produzenten in der Erzeuger-Verbraucher-Beziehung ist das anders. Kunden suchen sie aus, suchen ihre Nähe, befördern ihre besondere Art zu arbeiten und entlohnen sie auch entsprechend – weil diese Landwirte, wie unsere Olivers, ihre Felder und Haine, ihre Früchte und alles andere eben so behandeln, wie die Kunden sie behandelt wissen möchten. Die Kunden bezahlen für mehr als nur das Produkt. Sie zahlen für die Art der Herstellung, und dabei nicht nur die sichtbare, physische, sondern für die gesamte Haltung, den Respekt und die Würde. So wie man in seinem Ehering keinen Blutdiamanten will, der mit seiner Geschichte dem Symbol der Liebe den inneren Wert nimmt, so will man keine Sklavenarbeit in seiner Nahrung, sondern im Gegenteil die freie und stolze Arbeit freier und stolzer Landwirte.

Was aber passiert, wenn diese Landwirte kein Produkt haben? Wie bezahlt man sie für das Mehr, das sie ja trotzdem genauso erbringen wie in jedem Jahr?

Diese Situation trifft in diesem Jahr auf die griechischen Produzenten von arteFakt-Olivenölen zu, und es ist eine Freude zu sehen, was die Kunden zu tun beschlossen haben: In einer breiten Diskussion haben sich bereits tausende dafür ausgesprochen, diene Erzeugern gemeinsam zu helfen, das Jahr finanziell zu überstehen. Dafür werden wir einen Aufschlag auf die anderen extra nativen Olivenöle einsammeln (im Moment sieht es nach 50 Cent pro Liter aus) und damit den Betroffenen das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Ein hartes Jahr wird es trotzdem, aber zumindest bleiben sie über Wasser und im Geschäft.

Wir sind wahnsinnig froh und glücklich, solche Kunden zu haben. Diese Solidarität ist nicht selbstverständlich, sie ist, im Gegenteil, sogar ganz außergewöhnlich. Insofern ist es bei allen Katastrophen auch wieder eingutes Jahr für Olivenöl.

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